DANCE STARS Magazin | 01.2010

| 39DanceStars | Das Tanzmagazin aus Bremen K ü n s t l e r z u G a s t i n B r e m e n | Y u l i a Fa d e e v a Der Begriff Kontorsion (lat.: „contortio“ = Drehung, Windung) beschreibt eine Form von Akrobatik-Vorführungen, bei welcher der Artist seinen Körper in Positionen ver- dreht oder verbiegt, die für die meisten Menschen unerreichbar zu sein scheinen. Kontorsion ist oft Teil einer Zirkus-Nummer. Ein Kontorsionist, auch Schlangenmensch genannt, ist somit ein Akrobat, der seinen Körper aufgrund von jahrelangem Training extrem biegen kann. Im Allgemeinen haben Kontorsionisten bereits eine ungewöhnlich hohe natürliche Beweglichkeit, die dann noch durch spezielle Turnübungen gestei- gert wird. Kontorsion ist kein Breitensport, sondern vielmehr eine Kunst, die es hart und inten- siv zu trainieren gilt. Während zum Beispiel das Stretching im Zusammenhang mit Kran- kengymnastik für die Wiederherstellung der normalen Beweglichkeit eines Men- schen ein wichtiges Ziel ist, erzielt man mit dem bei Kontorsion praktizierten Stretching Bewegungsmöglichkeiten, die weit über das Normalmaß und damit über die le- benswichtige Beweglichkeit hinausgehen. Im Idealfall wird Kontorsion so eingeübt, dass sie langsam und schrittweise, ver- gleichbar einem Radrennfahrer oder einem Leichtathleten, die Möglichkeiten des Kör- pers erweitert – meist fast unmerklich im Millimeterbereich, so dass jahrelanges Training erforderlich ist. Das Erzwingen von Ergebnissen, zum Beispiel durch über- mäßige dynamische Belastung, führt zwangsläufig zu bedenklichen inneren Ver- letzungen der beteiligten Organe und kann das ganze Vorhaben zu Fall bringen. Idealerweise wird bereits in jungen Jahren begonnen, die individuellen Grenzen zu verschieben, beispielsweise in einer Zir- kusschule, im Ballett oder im Rahmen von Sportgymnastik. Dabei werden sowohl Muskeln, wie auch Sehnen und Bänder durch Belastung beansprucht, worauf der menschliche Körper mit kräftigerem Wachstum reagiert. Dieses Wachstum führt sowohl zu einer Umfangszunahme, was aber zugleich eine Zunahme der maxima- len Länge dieser Organe bei Dehnung be- deutet. Ein entscheidender Aspekt des Trainings, aber auch jeder Vorführung ist das Aufwär- men, wie es Skifahrer und jeder Kraftsport- ler betreibt. Damit soll mittels sanfter, stärker werdender Belastung die Tempera- tur der Muskeln, deren Durchblutung und in der Folge deren Dehnbarkeit erhöht wer- den. Werden die Übungen einer Trainings- einheit zu schnell angegangen oder gar ohne jegliches Aufwärmen, so steigt das Ri- siko, schmerzhafter Muskelzerrungen oder anderer Schäden am Körper. Beim Training sind gute Anatomiekenntnisse hilfreich, da die Beinmuskulatur mit ihrem Pfannenge- lenk und der mitbestimmenden Hüfte von mehreren unabhängigen Muskelpartien in ihrem Spielraum begrenzt wird. Kontorsion (nach Wikipedia) eine Damen und Herren! Begrüßen Sie mit mir die wunderbare und einzig- artige (eine kurze dra- maturgische Pause) Yulia Fadeeva!". Der Conféren- cier klingt sehr überzeugt, obwohl er sechs von sieben Abenden in der Woche das gleiche sagt. Eine Ansage für eine Künstle- rin, die in einem Métier arbeitet, das vor noch nicht allzu langer Zeit fast abfällig als "Schlangenmenschen" abgetan wurde.Yulia Fadeeva ist zu Gast in Bremen. Sie gastiert als eine der Darbietungen im "Palais im Park" am Parkhotel Bremen. Über zwei Mo- nate. Sechs Tage die Woche. Auch Weih- nachten und natürlich Sylvester. Aber, so ist das Geschäft. Tag für Tag. Woche für Woche und oft auch Monate lang. "Kontorsion" heißt diese Kunstform jetzt und das klingt deutlich besser als "Schlangenmensch", ob- wohl unter letzterem jeder sofort wusste, was gemeint war. Yulia Fadeeva ist Russin wie so viele in diesem Kunstbereich. Schon als Zweijährige dehnte sie ihren Körper, dass ihren Eltern ein kalter Schauer über den Rücken lief. Es folgte der harte Drill russischer Trainerinnen.Yulia wurde Sport- lerin der Rhythmischen Sportgymnastik. Sie brachte es weit. Wurde Meisterin in Russland und kam in das Olympische Team M ihres Heimatlandes. Selbstverständlich kann man nicht bis ins hohe Alter diesen sehr an- spruchsvollen Sport ausüben, sodass nach Beendigung ihrer Laufbahn sehr schnell feststand, wie sie ihr Leben weiterleben wollte. Reisen, neue und fremde Länder, interes- sante Menschen wollte sie treffen. Der Ent- schluss, ihre "Kunst des Verbiegens" weiterzuentwickeln, war schnell getroffen. Wobei der Sprung von der Rhythmischen Sportgymnastik zur Kontorsionistin noch ein langer Weg ist. Tägliches Training mit bis zu zehn Stunden machten ihren Kör- per,die Sehnen und Bänder, zu einem le- benden Gummiband. Lässig und ohne ganz große Anstrengung legt sie ihren rechten Unterschenkel hinter ihren Kopf und lässt den Fuß elegant vor ihrem Gesicht bau- meln. Dass das auch so bleibt, mit der Dehnbarkeit, heißt wieder täglich Trai- ning. Drei Stunden vormittags, drei Stun- den nachmittags und ab ca. 20 Uhr macht sie sich warm für ihren Auftritt im "Palais im Park". "Meine Damen und Herren - Yulia Fa- deeva!" Raus auf die Bühne. Nach knapp vier Minuten ist ihr Programm beendet und sie erntet tosen- den Applaus. Auch weil sie eine sehr at- traktive Frau ist. Aber in erster Linie, weil sie einfach unmögliches mit ihrem Körper möglich macht. Und was bringt die Zukunft. Yulia will Ergotherapeu- tin werden. Das klingt vernünftig, kennt sie den Körper und dessen Muskel doch besser als fast jeder anderer Mensch. D Yulias Karriere begann schon im zarten Alter von vier Jahren im Ballettsaal

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